Ein intensives Kammerspiel über Liebe, Verlust und die schmerzvolle Kunst des Loslassens: Zehn Jahre nach dem tragischen Verlust ihres Sohnes treffen sich ein Mann und eine Frau zum ersten Mal wieder – an dem Ort, an dem er begraben liegt. Was als formales Gespräch beginnt, entwickelt sich zu einer schonungslosen Auseinandersetzung mit Schuld, Trauer und der Frage, ob Vergebung möglich ist. Mit präziser Sprache und leisen, aber tiefen Emotionen seziert Lot Vekemans das fragile Geflecht einer Beziehung, die vom Leben aus den Angeln gehoben wurde. Das Stück besticht durch Klarheit, psychologische Genauigkeit und große emotionale Wucht. Es zeigt, wie nah Schmerz und Zärtlichkeit, Entfremdung und Nähe beieinander liegen – und dass manchmal ein einziger Moment genügt, um alles zu verändern. Gift ist ein Theatererlebnis, das uns so nah an die Figuren heranführt, dass wir glauben, neben ihnen zu sitzen – und das noch lange nach dem letzten Wort in uns weiterklingt.
"Seit dem 21. Februar 2026 wird im theater am puls das von Joerg Steve Mohr inszenierte und von Max Rohland und Johanna Witthalm gespielte Stück aufgeführt. Zwei grandiose SchauspielerInnen, ein Bühnenbild - der Aufenthaltsraum des Friedhofs, in dessen Erde ihr gemeinsamer Sohn begraben liegt – gestalten das Geschehen. Schon diese Tatsache verspricht tiefe Intensität. Die Zuschauenden sind Begleitende, Dabeiseiende, auf jeden Fall in die Situation und ihre Dynamik Gebundene. Für zwei Stunden sind sie mit einer Geschichte verwoben, welcher die Figuren seit zehn Jahren und noch ihr Leben lang nicht entgehen können. Beide hatten vielleicht den, vom Trauma erzeugten, Reflex es zu können. Eine Hülle – dicker als jedes Panzerglas – bauen oder die Flucht wählen und ein anderes, neues Leben suchen, sind durchaus Wege. Beide versuchten sie, ihren Weg zu gehen, beide suchen noch, weil sie etwas vergessen hatten. So stoßen sie aufeinander. Hinter Vorwurf, Schuldzuweisung, Erwartung, Wut, Macht liegen Tränen, Trauer, Angst und Lassen. Den anderen lassen: loslassen, zulassen, entlassen, verlassen und endlich belassen. Die Bewegung, welche die beiden Figuren erleben, ist ganz individuell und doch auch gemeinsam. Beide lernen hinzuschauen. Sie erkennen sich, die/den anderen und letztlich das Leben. Manchmal ist es Gift (das, was uns in großer Dosis tötet oder heilt, wenn es wohldosiert ist), manchmal ist es ein Geschenk (das englische Wort „gift“) und manchmal die Mitgift – das, was wir mitbringen, wenn wir das Leben mit „Ja“ und Mut begrüßen. So ist es ein Stück, das weit von jede/r von uns liegt. Es ist so schwer, auch so selten, dass Eltern ihre Kinder verabschieden. Es rüttelt so sehr an der Lebensordnung, dass das Bild der Mosaiksteine, nachdem sie durcheinandergeschüttelt wurden, nicht dem Bild vor der Zerstörung gleicht. Und doch betrifft das Stück jede/ n von uns ganz hautnah. Die Wortlosigkeit, die Übertragungen, die (Rollen-) Erwartungen kennen wir alle. Jede Belastung folgt diesem Muster. Die Aufführung zeigt uns einen Weg. Es ist der Weg des Lebens."
Samiya Bilgin